„Politische
Vernichtung“ - Wolffsohn verteidigt Aiwanger
Der
deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn kritisiert in einem Gastkommentar
in BILD die Attacken auf Bayerns Vize-Regierungschef Hubert Aiwanger
Von MICHAEL
WOLFFSOHN*
28.08.2023 -
10:22 Uhr
„Der größte
Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Auch wenn es der
Denunziant gut meint. Jüngsten Anschauungsunterricht bietet uns der Fall des
bayerischen Vize-Ministerpräsidenten und Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger.
Bislang fiel er nie durch irgendwelche antisemitischen Äußerungen auf. Den
Unmut seiner Gegner zog er sich mit anderen Aussagen zu.
Ein
Recherchen-Team der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichte: Aiwanger hätte als
17-jähriger Schüler vor rund 35 Jahren ein ekelerregendes, antisemitisches
Flugblatt verfasst.
Wer das
Flugblatt liest, erkennt sofort: Ja, es ist ekelhaft und widerwärtig. Warum?
Weil es tändelnd über die Hölle auf Erden witzelt, nämlich über das
nationalsozialistisch-deutsche Vernichtungslager Auschwitz. Dort wurden rund
1,3 Millionen Menschen ermordet, davon 1,1 Millionen Juden. Darüber machen
anständige Menschen keine Witze.
Ist jenes
Flugblatt antisemitisch? Es ist menschenverachtend, aber ist es deswegen automatisch
antisemitisch? Antisemiten machen Juden als Juden verächtlich. Sie fordern die
Benachteiligung und sogar Ermordung. Kein Wort davon in diesem dreckigen Text.
Merke: Nicht jeder Dreck ist zugleich antisemitisch.
Zeugen von
damals haben Hubert Aiwanger beschuldigt. Sie alle bestehen auf Anonymität.
Seltsam: Für eine gute Sache – also den Kampf gegen Antisemiten – nicht mit
offenem Visier kämpfen?
Inzwischen
ist mehr bekannt: Nicht Hubert Aiwanger hat das Flugblatt verfasst, sondern
sein Bruder. Wenn es stimmt, dann nutzen die heutigen Nazi-Gegner Methoden, die
sonst nur in Diktaturen üblich sind, nämlich: Sippenhaft.
Daraus
folgt: Wir haben es bei den Zeugen nicht mit antifaschistischen Helden, sondern
eher mit Denunzianten zu tun.
„Hysterische
Aiwanger-Kritiker messen mit zweierlei Maß“
Als Jude
wehre ich mich dagegen, dass Denunzianten uns Juden für ihre tagespolitischen
Zwecke missbrauchen. Kurz vor den Wahlen in Bayern wollen sie den konservativen
Aiwanger und seine Freien Wähler als Nazis und, daraus abgeleitet, Antisemiten
abstempeln. Wer konservativ mit „Nazi“ und „Antisemit“ gleichsetzt, ist
ahnungslos und verleumderisch. Wer es dennoch tut, lasse uns Juden aus diesem
miesen Spiel raus.
Die
hysterischen Aiwanger-Kritiker messen mit zweierlei Maß. Konservativen werfen
sie jugendliche Dummheiten, Widerwärtigkeiten, Fehler oder Straftaten
lebenslänglich vor und fordern noch Jahrzehnte später, also heute,
Konsequenzen. Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) gilt als Staatsmann.
Dabei hatte er mit 25 Jahren einen Polizisten, also einen Staatsbeamten, brutal
verprügelt. Vergeben und vergessen. Weil Joschka grün und Aiwanger konservativ
ist?
Kein
Zweifel: Joschka Fischer hat sich gewandelt. Vielleicht hat Hubert Aiwanger mit
17 tatsächlich Nazis verharmlost. Doch, anders als dem grünen Joschka, soll man
dem konservativen Aiwanger nicht zubilligen, dass er sich gewandelt hat?
Die
SPD-Politikerin Sawsan Chebli postete: „Als Schüler verfasste Aiwanger ein
antisemitisches Flugblatt, das alles überschreitet, was man für möglich
gehalten hat.“ Inzwischen ist dieser Post von ihrem X-Account gelöscht. Aber
Frau Chebli war als Jugendliche selbst bekennende Antisemitin. Für Aiwanger
gilt also nicht, was für sie gilt. Entlarvend ist das.
Mein
muslimischer Freund Ahmad Mansour gibt unumwunden zu: Als Jugendlicher war er
Antisemit. Heute bekämpft er heldenhaft den Antisemitismus.
Die
„Süddeutsche Zeitung“ ist eines der Leitmedien in Deutschland. In Bezug auf
Juden hat selbst ihre Weste dunkle Flecken. Erinnert sei, dass sie zum Beispiel
eine Karikatur über (sprich: gegen) Israels Ministerpräsidenten Netanjahu
veröffentlichte, die sich nicht wirklich von den extrem antisemitischen
Judenzeichnungen der Nazis unterschied.
Die
„Süddeutsche Zeitung“ schreibt mehrheitlich gegen die jetzige Koalition aus CSU
und Freien Wählern in Bayern. Das ist ihr gutes demokratisches Recht. Aber
weder Aktivismus noch Verdachtsjournalismus sind Qualitätsjournalismus.
„Denunziantentum
ist inakzeptabel“
Wie so viele
reihte sich vorschnell auch unser Gesundheitsminister Lauterbach in die
Anti-Aiwanger-Front ein: „Sollte er der Verfasser des menschenverachtenden
‚Ausschwitz Pamphlet‘ sein muss er zurücktreten“, twitterte der Herr Professor.
Weiß er nicht, dass man Auschwitz nur mit einem S schreibt?
Fazit:
Gerade, wer auf dem moralisch hohen Ross sitzt, sollte den Gegner nicht mit
unsauberen Mitteln politisch vernichten wollen. Denunziantentum ist
inakzeptabel – auch wenn man, wie ich, nicht die Partei Aiwangers wählt.
Und, liebe
deutsche Mitbürger, hört mit den unsäglichen Judenspielen auf, wenn ihr eure
persönlichen oder politischen Süppchen kocht.
* Professor
Dr. Michael Wolffsohn , geboren 1947 in Tel Aviv als Sohn und Enkel von
Holocaust-Überlebenden. Historiker. Autor der Bücher „Eine andere Jüdische
Weltgeschichte“ (2022) und „Ewige Schuld? 75 Jahre deutsch-jüdisch-israelische
Beziehungen“ (2023)