FAZ_ STUCKRAD-BARRES „NOCH WACH?“ - Der "Skandal" bei Springer in Roman - Die deutschen linken Medien blamieren sich mal wieder (siehe auch Hitler-Tagebücher, Spiegel-Fälscher Claas Relotius oder der Ibiza-Kriminelle bei Süddeutsche/Spiegel
STUCKRAD-BARRES „NOCH WACH?“
Das ist Springer,
zu 100 Prozent
Von Michael Hanfeld
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2023, 18:03
Das Buch „Noch wach?“ von Benjamin von Stuckrad-Barre wurde als Schlüsselroman
erwartet. Es hält, was es verspricht.
Benjamin von Stuckrad-Barre hat ein Buch geschrieben. Das Sittengemälde „Noch
wach?“, das er vorlegt, nennt sich Roman und ist aus der Perspektive eines
namenlosen Erzählers verfasst. Es geht um einen namenlosen Fernsehsender,
dessen namenlosen Oberboss – den der Erzähler den „Freund“ nennt –, den
ebenfalls nicht beim Namen genannten sexuell übergriffigen,
machtgeil-rechtsverdrehten Chefredakteur dieses Senders und um dessen Opfer.
Klingt nach reiner Fiktion. Ist es aber nicht.
Der wahre Handlungsort und die Originalbesetzung dieses Stücks erscheinen uns
klar: Springer-Verlag, „Bild“-Zeitung, Mathias Döpfner, Julian Reichelt und
Benjamin von Stuckrad-Barre himself.
Wer könnte der Ich-Erzähler wohl sein?
Denn wer anders als er selbst könnte der
Ich-Erzähler sein, der da am Pool des Hotels Chateau Marmont in Los Angeles
liegt? Wo er eine von dem Chefredakteur des Trashsenders bedrängte junge Frau
aus Deutschland und Rose McGowan kennenlernt? Jene Schauspielerin, die mit
ihrem Mut, auszusagen, den Weinstein-Skandal losgetreten und MeToo in Gang
gesetzt hat. Monica Lewinsky, sagt sie ihm, sei „patient zero“ gewesen – das
erste Opfer. Für sie selbst sei es ja „leichter“, sagt sie zynisch, schließlich
sei sie vergewaltigt worden und habe Beweise: „Bald brennt dann ganz Hollywood.
Oder ich. Höchstwahrscheinlich beides.“
Dem Ich-Erzähler schenkt Rose McGowan daraufhin die Biographie der vom
ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton bedrängten Lewinsky und schreibt ein
Schlusswort hinein: „Wenn sie sich dir anvertrauen – sei kein Arschloch. Hör
ihnen zu. Such nach anderen. Hör ihnen zu. Und dann setz dich für sie ein. Die
Belohnung wird groß sein: Ihr werdet keine Jobs mehr kriegen, ihr werdet mit
Schmutz beworfen, man wird euch als Lügner darstellen. Wird lustig. Bist du
bereit? Oder bist du ein Arschloch? Deine Entscheidung. PS: Und vielleicht
solltet ihr dann noch erwähnen, dass ihr mich kennt – dann kommt ihr direkt in
den Knast.“
Die Läuterung des Helden beginnt
Damit beginnt die Läuterung des – gebrochenen –
Helden wider Willen, als den sich der Erzähler präsentiert. Nur zu Beginn
wechselt er die Perspektive und versetzt sich in die Lage der jungen Frauen,
die bei dem Fernsehsender anfangen und von dem mächtigen Chefredakteur umgarnt
werden, der junge Mitarbeiterinnen scheinbar fördert, vor allem aber hofiert,
bis sie seinem Werben nachgeben und er sie danach wegwirft.
Beruflich ist dieser Chefredakteur ein aufgeblasener, lächerlicher Macho und
Großkotz, im eigenen Haus nennen sie ihn „Tucker Carlson für geistig noch
Ärmere“. Die Schlagzeilen können ihm gar nicht brutal genug formuliert sein.
Der Konzernchef wiederum ist eigentlich ein Frei- und Feingeist, der sich mit
den medialen Abscheulichkeiten, auf denen sein Umsatz beruht, so wenig beschäftigt,
wie er sich in den digitalen Dingen, in die er viel Geld stecken und mit denen
er zum weltweiten Spieler werden will, auskennt. Hin- und hergerissen ist
dieser Mann – der „Freund“ –, zwischen dem diabolischen Chefredakteur und dem
Erzähler, in einer Auseinandersetzung zwischen – diese Fallhöhe maßt „Noch wach?“
sich durchaus an – Gut und Böse.
Das vollzieht sich in Episoden, die Beobachtern des Springer-Konzerns allzu
bekannt vorkommen. Es ist gewissermaßen die Quersumme der Presseartikel, die
über Springer in den vergangenen beiden Jahren erschienen sind. Da hat jemand
all die Zeit ganz genau Buch geführt, sich Notizen gemacht, und jetzt packt er
aus. Ross und Reiter nennt er nicht, doch ist die Camouflage so gewollt dünn,
dass die Zusicherung, die zu Beginn des Buches steht, als miserable Pointe
erscheint und bei jemandem wie Stuckrad-Barre, der auf Pointen so versessen
ist, besonders auffällt.
Dieser Roman“, heißt es da, „ist in Teilen inspiriert von verschiedenen realen
Ereignissen, er ist jedoch eine hiervon losgelöste und unabhängige fiktionale
Geschichte. Daher erhebt der Roman keinen Anspruch, Geschehnisse und Personen
und ihre beruflichen und privaten Handlungen authentisch wiederzugeben.
Vielmehr hat der Autor ein völlig eigenständiges neues Werk geschaffen.“
Eigenständiges neues Werk?
In Teilen inspiriert? Eigenständiges neues Werk?
Das wollen wir dem Autor nur in der Hinsicht durchgehen lassen, als er und sein
Verlag sich so rechtlich absichern. Könnten Mathias Döpfner oder Julian
Reichelt gegen ein Buch vorgehen, in dem sie namentlich nicht genannt werden,
von dem man aber weiß, dass jede Seite von ihnen handelt? Jede geschilderte
Szene, jede Unterhaltung, jeder Chat? Die Unterstellung dieser 379 Seiten ist:
So und nicht anders ist es gewesen. So wird es nicht gesagt, ist aber so
gemeint und wird auch so verstanden werden.
Springer kommt in Stuckrad-Barres Buch an einigen Stellen sogar vor. Allerdings
nur in Spiegelungen. Etwa im Gespräch, das der Erzähler und sein „Freund“ bei
einer Autofahrt von Los Angeles nach San Francisco führen. Da berichtet der
Erzähler dem Konzernchef, dessen Jugend- und Hippnesswahn ihn amüsiert, die
Geschichte eines früheren „Bild“-Chefredakteurs. Der habe beim Nacktbaden am
See eine Mitarbeiterin sexuell bedrängt. Bei der Vertuschung der Angelegenheit
habe ihm sein Nachfolger geholfen und sich dadurch im Konzern offenbar
endgültig für höhere Aufgaben empfohlen. Ob er davon gehört habe? Schlimme
Geschichte, meint der „Freund“, so richtig sei das wohl nie geklärt worden. Als
Leser indes erinnert man sich an dieser Stelle nicht von ungefähr an eine
Anzeige gegen den damaligen „Bild“-Chef Kai Diekmann, deren Eingang die
Staatsanwaltschaft Potsdam im Januar 2017 bestätigte. Der Vorwurf sexueller
Belästigung wurde im Verlag und von der Justiz geprüft und für nicht bestätigt
befunden. Wenig später zog sich Diekmann als „Bild“-Chef zurück. Im August 2017
hieß es von der Staatsanwaltschaft dann endgültig: kein hinreichender
Tatverdacht.
Kaum ist die Episode mit scheinbarer Distanzierung geschildert, hält der
Erzähler seinem „Freund“ die Chats des Chefredakteurs in seinem eigenen Konzern
vor: „Ich meine, um 04:31 Uhr wird zurückgeschossen in Form von Informationen
darüber, dass man nicht schon, sondern noch wach ist? Gefolgt natürlich von
diesen drei elenden Doppeldeutigkeitspunkten, ‚Noch – PunktPunktPunkt‘, diesem
satzzeichengewordenen schwülen Augenzwinkernebel. Das ist doch unangenehm.“
Alles bekannt, nichts überraschend
So eng an der vermeintlichen Realität ist alles,
wovon Stuckrad-Barre schreibt. Es kommt einem bekannt vor, nichts ist
überraschend. Nicht das Gehabe des Konzernchefs, nicht das Gebaren des
Chefredakteurs, nicht die Vorwürfe, die zahlreiche Frauen gegen diesen erheben,
nicht die Compliance-Untersuchung, die damit endet, dass dem Beschuldigten
nichts Strafwürdiges und nichts nachgewiesen werden kann, was seine Entlassung
rechtfertigte.
„Grauzone“, „Er sagt / Sie sagen (besser nichts)“, „Angstfreie Speak-up-Kultur“
und „Verdachtsberichterstattung“ sind die Kapitel im Buch überschrieben, in
denen es um die Verarbeitung der MeToo- und Machtmissbrauchsvorwürfe geht. Sie
passen eins zu eins zu dem, was in nicht fiktionalisierter Form über die Causa
Reichelt und Springer berichtet wurde, auch in den letzten Tagen: anonyme
Hinweisgeberinnen, ein Compliance-Verfahren, das nicht zum Rauswurf führte,
dann doch im Herbst 2021 die Entlassung, weil Reichelt angeblich eine
machtmissbräuchliche Beziehung geführt und den Vorstand belogen hatte,
vergebliche Widerrede des Betroffenen, der sich bis heute unschuldig verfolgt sieht
(F.A.Z. vom 18. April).
In seinem „Roman“ erzählt Stuckrad-Barre mit zunehmender Wut von einem solchen
Komplex, an dessen Ende eben nicht die vollständige Aufklärung und eine neue
Unternehmenskultur stehen, sondern sich die Opfer in derselben Situation
befinden wie zu Beginn. Womit der Autor Stuckrad-Barre in der Person des
Erzählers uns auch die Begründung für dieses Buch unterjubelt: Seht her, ich
konnte nicht anders, all mein Streben, meinen großen „Freund“ davon zu
überzeugen, ein großes Unrecht zu beenden, hat zu nichts geführt. Auf Seite 357
ist aus dem „Freund“, mit dem ihn einst eine regelrechte Liebe verband, ein
„Ex-Freund“ geworden.
Für reine Fiktion halten wir indes, was Stuckrad-Barre inmitten des von ihm mit
„Zeit“, „Spiegel“, ARD und sonstigen Prominenten mitbefeuerten
Publikationsinfernos im „Spiegel“ über sein Buch sagt. „Schlüsselroman? Auf gar
keinen Fall. Was ist das auch für ein unangenehmes Wort, was soll das überhaupt
bedeuten?“, fragt er da. „Ich würde niemals ein Buch über diesen Mann
schreiben“, sagt er und meint Julian Reichelt, dessen Namen er nicht
aussprechen will. „Das gesamte Personal dieses Romans“ sei „ anhand der
Wirklichkeit frei erfunden“, sagt Stuckrad-Barre. „Auch das ,Ich‘ des Buches,
das bin ja nicht ich, auch wenn wir uns gut kennen. Und die wichtigste Figur
ist ohnehin keiner dieser Typen, sondern die ebenfalls fiktive Heldin Sophia.“
Diese Sophia kennen wir leider nicht. Aber die anderen Figuren in diesem
„Roman“, die kommen uns doch sehr bekannt vor.
Quelle: FAZ
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